von Dominique Omakowski
Ich bin beeindruckt von Jerusalem. Das Aufkommen derartig vieler, bis ins extrem gebtriebener Religionen ist außergewöhnlich. Das hatte ich zwar vorher schon gehoert. Doch die Erfahrung habe ich nun selber gemacht. Was war passiert? Ein Erlebnisbericht:
Ich möchte die Altstadt besuchen und mache mich auf. Auf dem Weg dahin will ich so viel wie möglich von der “Neustadt” sehen. So betrete ich in ein arabisches Viertel. Die Umgebung ändert sich. Es wird arabisch gesprochen, die Frauen tragen Kopftücher und orientalische Musik ertönt aus den Läden. Ich denke wieder an den Nahostkonflikt. Lachen die älteren Herren auf der anderen Straßenseite etwa über mich? Bin ich hier vielleicht nicht erwünscht? Dann versucht mich jemand in seinen Laden zu locken, mein Geld ist wohl doch ein gern gesehener Gast hier. Ich remple jemanden an und drehe mich um. Ich möchte mich etschuldigen, doch ich weiß nicht wie, denn ich blicke in ein vermummtes Gesicht. Ich erinnere mich an die Worte anderer Volontäre, ich solle keine Muslimin ansprechen. Peinlich berührt versuche ich die Situation durch falsches Interesse an Souvenirartikeln zu überspielen, was mir auch bravourös gelingt. Ich setze meinen Schritt fort und komme an einem Laden für Elektrogeräte vorbei. Auf allen Fernsehern läuft der gleiche arabische Nachrichtensender, der gerade Nasrallah wild herumfuchteln und hetzen zeigt. Anscheinend ist man seiner Organisation, der Hisbollah hier nicht abgeneigt. Weiter vorne sehe ich plötzlich ein Kind unter einem Auto hervorkriechen und hastig wegrennen. Verschiedene Szenarios spielen sich in meinem Kopf ab. Ich beschleunige meinen Gang, spanne meinen Körper an und warte auf das unvermeidliche Bumm. Doch Schwachsinn, es kommt natürlich nichts. Ich fühle mich erneut paranoid. Denn seit Monaten gab es hier keinen Anschlag mehr. Ein vermeidlicher wurde aber vor kurzem erst vereitelt.
Ich komme, einige Straßen weiter nach Mea Shearim, dem Viertel der ultra-orthodoxen Juden. Am Eingang hängt ein Plakat an der Wand, das alle Besucher bittet, nicht in Gruppen aufzutreten, langärmelige und -beinige Kleidung zu tragen und die Einwohner nicht in ihrem Leben zu stören. Ich hole meinen Pullover aus dem Rucksack. Mir fällt auf, dass alle Männder mit Hut und Anzug durch die Straße gehen. Die Frauen tragen Röcke. Das erinnert mich an Bilder der Amish-Gemeinden in Amerika. Die Entwicklung scheint hier vor einigen Jahrhunderten aufgehört zu haben. Nur Autos und Läden mit Elektro-Geräten weisen auf die Moderne hin. Besonders die vielen Kinder, die vor allem in den Seitenstraßen ihr Unwesen treiben prägen sich mir ein. Unmengen scheint es von ihnen zu geben. Wie machen die Orthodoxen das bloß, frage ich mich. Als ich das Viertel verlasse, fühle ich mich irgendwie erleichter. Denn in dieser Welt scheine ich ein Parasit zu sein, der die Tradition und das Leben mit seiner bloßen Anwesenheit stört.
Ich komme nun der Altstadt näher und eine riesige Stadtmauer tut sich auf. Sie verdeckt den Blick auf die Old City. Ich durchquere das Damaskus-Tor und wundere mich, dass es keine Kontrollen gibt und nur zwei Soldaten auf dem Platz davor stehen und Löcher in die Luft starren. Dann bin ich drin. Was erwartet mich? Es gibt vier verschiedene Viertel, das juedische, das christliche, das arabische und das armenische. Ich bin im arabischen. Die Straßen sind durch gewölbte Decken nach oben hin geschlossen. Sie sind klein, zu beiden Seiten mit Laeden ausgestattet und alles ist voll mit arabisch anmutenden Menschen. Arabische Musik läuft auch hier. Das Viertel lebt. Es gibt vieles zu kaufen: Kleidung, Nahrung, Fast Food, CDs, Wasserpfeifen und vieles mehr. Es macht Spaß den Menchen zuzusehen. Ich laufe durch die Via Dolorosa, jenen Weg, den Jesus Christus mit dem Kreuz (zumindest einem Teil davon) hinauf laufen musste. Religion wird wieder präsenter. Doch in der Altstadt fühle ich mich sicherer als außerhalb. Wahrscheinlich, denke ich, hält Anwesenheit von so vielen Muslimen, einen Selbstmordatentäter vom Märtyrertum an diesem heiligen Ort ab.
Auf ein Mal wird die Straße breiter, es gibt keine Läden mehr und zu meiner Linken steht die evangelische Erlöserkirche. Ich bin im christlichen Viertel angekommen. Zwischen Straße und Himmel ist hier nur der Geruch von Weihrauch. Es ist sauber. Wenige Meter weiter ist die Grabeskirche, die an dem Ort der Kreuzigung und des Grabes Jesus’ stehen soll. Die Kirche ist sehr besonders, denn hier gibt es verschiedene Bereiche, die zu den Griechisch-Orthodoxen, der Römisch-Katholischen Kirche, der Armenisch Apostolische Kirche, Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien, den Kopten und der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche gehören. Ein bunter Mix an verschiedenen Strömungen innerhalb des Christentums. Die Mönche, die ich zu sehen bekomme, scheinen sichtbar genervt von den Touristen zu sein. Überall sprechen Touristenführer durcheinander.
Nach dieser Erfahrung, gehe ich weiter ins jüdische Viertel. Wieder ist der Übergang fließend und höchstens durch den Atmosphäre-Wechsel zu bemerken. Ich komme zum Platz der Klagemauer, wo eine Menge an gläubigen Juden gebete sprechen und Zettel in die Wand klemmen, auf deren ihre Bitten an Gott niedergeschrieben sind. Sie erinnern mich an Pinguine mit ihren schwarzen Anzügen, weißen Hemden und dem schwarzen Hut auf dem Kopf. Sie strahlen eine besondere Tradition aus, als wäre die Zeit stehen geblieben und dieser Teil der Altstadt scheint mir der bisher mystischste zu sein, doch dieser Eindruck sollte sich noch ändern…
Denn nachdem ich den Tempelberg erklummen und von der gähnenden Leere des großen Gartens rund um die Al-Aqsa Moschee und den Felsendom überrascht, wieder hinabgestiegen bin, begebe ich mich ins armenische Viertel. Hier finde ich nur verschlossene Türen vor und höchstens eingie Touristen, die wohl den gleichen Eindruck haben wie ich: Die wollen nicht gestört werden. Alles ist leise, nicht öffentlich und hinter Mauern versteckt. Ich denke mir, dass ich gerne mehr wüsste über deren Religion, die ja christlich zu sein scheint, sich aber doch von den anderen abgrenzt. Ich kann nichts dazu entdecken. Hier ist es wirklich mystisch. An den Wänden hängen alle paar Meter Plakate, die eine Landkarte ueber die Vertreibung der Armenier aus der Türkei ab 1915 zeigt. Durch das Jaffa-Tor verlasse ich die Altstadt.
Nun habe ich vieles in Jerusalem gesehen, doch ich ahne, dass die nur ein kleiner Teil dessen war, was diese Stadt eigentlich ausmacht. Ich werde bestimmt wieder kommen und weiteres erforschen. Im Vergleich zu Tel Aviv scheint mir die Stadt reifer, erwachsener zu sein. Jeder Tag scheint hier so intensiv und spirituel gelebt zu werden.


3 comments
Comments feed for this article
14Nov07 um 8:30
Flexor
Im Vergleich zu Tel Aviv scheint mir die Stadt reifer, erwachsener zu sein. Jeder Tag scheint hier so intensiv und spirituel gelebt zu werden….
:)
14Nov07 um 8:55
Dominique Omakowski
Na immerhin hast du das Ende gelesen :P
19Mär08 um 5:51
Haha
Numal Araba sind so wie armenia ;) vergess es nicht ich kenne viele die araba die Armenia sind kapisch ;)